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p r o j e k t e :    
       
Recycling Box im Büro
Schulz und Schulz Architekten

Witten, Leipzig



   
Bild kurz nach der Fertigstellung, noch ohne Dachbegrünung


Wertstoffplatz 2000               Aufenthaltsgebäude

Krakauer Str., Flurstück 1354, Leipzig Grünau
Bauherr: Stadtreinigungsamt Leipzig
Entwurfsverfasser: Alexander Bauer, bei Schulz&Schulz Architekten GmbH, Leipzig
In Zusammenarbeit mit Ingenieurbüro Grünert+Umbreit, Leipzig

Vorlauf
Die Stadt Leipzig betreibt zur Zeit 28 Wertstoffhöfe.
Die meisten sind in ihrem Erscheinungsbild unansehnlich und nicht repräsentativ.
"WSP 2000" ist ein Pilotprojekt des Stadtreinigungsamtes der Stadt Leipzig und soll langfristig auf andere Sammelstellen übertragbar sein.
· Durch teilweise einheitliche Leitdetails soll ein Wiedererkennungseffekt im Stadtbild erzielt werden.
· Durch gestalterisch gehobenes und sauberes Image soll dem Vandalismus vorgebeugt werden.
· Erhöhter Einbruchschutz soll aus dem Entwurf heraus vorgegeben sein.
· Mehr Bürgernähe: Wertstoff sammeln soll positiv besetzt werden.
· Die komplexen Zusammenhänge von Recycling sollen verdeutlicht werden.
· Es soll der ökologische Anspruch der Stadt vermittelt werden, indem Tatsachen geschaffen werden, die zum Nachmachen und Nachdenken anregen sollen.

Programm
Aufenthalts- und Sozialgebäude für zwei Betreuer des Sperrmüllsammelplatzes
· Toilette
· Wasch-, Dusch-, und Umkleidemöglichkeit
· Pausenraum/Teeküche
· Schreibtischarbeitsplatz

Modulares System
Die zweistufige Typisierung der "Box" soll durch den Wiederholungseffekt bei weiteren Wertstoffplätzen Kosten reduzieren.
A. Technik-Kern:
Als zentrales Element ist das Modul Haustechnikraum, Hausanschlußraum, Übergabestation und Medienverteiler etc. für das Gebäude und den Wertstoffplatz.
Seine zentrale Lage ermöglicht kürzeste Erschließung für alle Medien nach allen Seiten ("box in box"). Vorgefertigt, reproduzierbar und dennoch individuell auf den Einsatzort anpaßbar.
B. Hülle:
Die hochgedämmte Stegträgerkonstruktion ist im 1.25er Holzbauraster flexibel erweiterbar.
Es wird Niedrigstenergiestandard nach dem Prinzip "Thermoskanne" angestrebt. Aus diesem Grund hat sie ausschließlich die Funktion "Außenhaut" und ist von allen sonst im Bauwesen üblichen Funktionen entkoppelt. Der winddichte Witterungsschutz (Überprüfung durch Blower-Door-Test) wird ohne "Störungen" im Gefüge realisiert.

Standortanpassung:
· Das Außenmaterial der Hülle und die Füllung der Speicherwand sind an die Baumaterialien der Umgebung anpaßbar.
· Z.B. am Realisierungsort Krakauer Straße:
· Direkter Bezug: Die Faserzementplatten der Außenverkleidung, in wahrnehmbarem Plattenraster verarbeitet, nehmen das Thema industrieller Wohnungsbau in Günau auf.
· Indirekter Bezug: Der Betonaufbruch, als Rezyklat aufbereitet, gewaschen und in vorbestimmter Korngröße in die Speicherwand sichtbar eingebaut, macht auf das in der Großsiedlung vorherrschende Baumaterial und die zu erwartenden Probleme beim Rückbau aufmerksam.

Farbgestaltung:
Eine für die Öffentlichkeit wirksame Gestaltung, die auch bei weiteren Objekten zur Wiedererkennung führt, läßt die beweglichen Teile der Fassade hervortreten. (So würden andere gestalterische Konzepte in anderen Stadtquartieren trotzdem das Prinzip als roten Faden erkennen lassen.)

Farben:
Hier am Standort Krakauer Straße scheinen die Farben aus Teilen des Werbelogos für Grünau wieder auf.

Funktion:
Alternierende Farbgebung der Klappläden für Speicherwand und Fenster:
Die Verschattungselemente der Speicherwand sind im geöffneten Zustand, also an ihren Innenseiten, farbig und sollen an die sich öffnenden Blätter eines Blütenkelches erinnern. Der Sonne zugewandt und gelb leuchtend, oder geschlossen (in Fassadenfarbe), also introvertiert, - sind sie von der Fassade kaum zu unterscheiden: Die Nutzer des Gebäudes machen so auf ihren Wärmebedarf aufmerksam, der gratis von der Sonne zu beziehen ist.
Umgekehrt die Fensterläden: Signalrot in geschlossenem Zustand (also die Außenseiten beschichtet), zeigen sie den Besuchern an, daß zur Zeit eine Wertstoffabgabe nicht möglich ist.
Die raumhohen Fenster sind für den Überblick auf den Platz konzipiert, also immer offen, wenn die Station besetzt ist. Nach Betriebsschluß und an den Wochenenden sind die Klappläden als Einbruchschutz fest verschließbar.

Ökologie:
· Direkt: Niedrigstenergiestandard:
Durch die hohe Dämmwirkung der Außenhülle wird der Heizenergiebedarf und dadurch der CO2-Austoß gesenkt.
Lüftungswärmerückgewinnung:
Die Lüftungswärmerückgewinnungsanlage der Firma Paul (Umweltpreis 1993) senkt den Energiebedarf des Gebäudes weiter ab, da die inneren Lasten zur Erwärmung mit herangezogen werden.
Erdreichwärmetauscher:
Die Luftvorwärmung in den Wintermonaten durch das Erdwärmerohr-Register (Länge ca. 35 m) verringert zusätzlich den Heizaufwand.
Solarspeicherwand:
Nützen der thermischen Leistung der Sonnenstrahlung begünstigt das Speichervermögen des Gebäudes (in Kombination mit der gedämmten Bodenplatte).
Recycling:
Durch den Einbau von Produkten der zweiten Verwendungsgeneration wird der CO2-Ausstoß, der zur Erzeugung eines Neuproduktes nötig gewesen wäre, vermieden.(z.B. ISOFLOC als Dämmung oder Ziegelschutt in der Speicherwand, wenn der Standort des Wertstoffplatzes in einem Wohnquartier aus Ziegelbauten liegt).
· Indirekt: Baustoff:
Holz bindet während der Gebäudestandzeit das beim Baumwachstum eingelagerte CO2.
Rückbau:
Bei thermischer Verwertung des verbauten Holzes wird lediglich jenes CO2 freigesetzt, das auch bei normalen Zerfall im Wald frei wird (1. Zyklus). Hier entsteht kein die Atmosphäre zusätzlich belastendes CO2 (Treibhauseffekt), wie es beim Einsatz fossiler Energieträger der Fall ist (2. Zyklus).
Wiederverwendung:
Das Umsetzen der Gebäudes ist möglich, bzw. die Weiterverwendung einzelner Teile oder deren Umnutzung. Durch den losen Einbau der Rezyklate sind z.B. Entfernen und erneuter Einbau in anderem Zusammenhang problemlos möglich.

Öffentliche Aussage:
· Speicherwand:
Das Thema "Blütenkelch" der Speicherwand kann bei den Besuchern des Wertstoffplatzes das Prinzip des Wärmeeintrages quasi "zum Anfassen" vermitteln. Gerade auch der bewußt einfache Aufbau und nachvollziehbare Ursache-Wirkung-Zusammenhang soll Interesse für nachhaltiges Bauen wecken.
· "Display-Ecken":
Die Wärmedämmung aus Altpapier ist in den Eckbereichen des Fensterbandes sichtbar eingebaut. So wird die Verwendung dieses Materials für diesen Zweck einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und Zweiflern gleichzeitig ein "Dauertest" angeboten.
· Erdreichwärmetauscher:
Das bewußt auffällig gestaltete und plazierte Ansaugrohr des Erdreichwärmetauschers sensibilisiert den Besucher des Platzes für diese zusätzliche Möglichkeit der Energieeinsparung durch Luftvorwärmung aus Erdwärme (+5° - 7°C im Winter mögl.). D.h. bei einer Außentemperatur von -15°C ergibt sich eine Temperaturanhebung um 22 Kelvin ! bei einem Lüfterstromeinsatz von 30 W.
· Oberlichtband:
Das umlaufende Oberlichtband der Außenhülle mit dem zurückverlegten und thermisch entkoppelten Dachanschluß stellt durch das eingehängte Dachpaket den Einbruchsschutz bei dennoch optimaler Belichtung sicher.
Die verspiegelte Kopfblende ergibt in Kombination mit der Verglasung k = 0,5 W/m²K eine Wärmefalle, die außerdem das eigentlich 40 cm stark gedämmte Dach optisch auf die Tropfkante der Stehfalzdeckung reduziert.
Das umlaufende Oberlichtband der Technikzelle erlaubt den Blick auf die kompakte Anordnung der für ein Haus der Niedrigenergieklasse notwendigen Installationen. Die Haustechnik nicht mehr zu verstecken bedeutet, auch sie als integralen Bestandteil eines ökologischen Entwurfsansatzes von Anfang an einzubeziehen.

Ausblick:
Eine weitere Variante der experimentellen Realisierung könnte die Ausgestaltung der äußeren Hülle als verspannte Leichtlehm-Strohballen-Fassade sein, mit den entsprechenden Möglichkeiten der organischen Ausformung. (Beispiel: Ein Außenbezirk der Stadt, in dem ein Wertstoffplatz vorgehalten wird. Die dort landwirtschaftliche Prägung der gebauten Umwelt sowie der vorherrschende Alltag mit seinen anfallenden Produktionsabfällen aus nachhaltigen Rohstoffen ließ die Möglichkeit der Anwendung speziell für ein Demonstrationsobjekt dieser Art plausibel erscheinen). Die technischen Belange werden ja weiterhin von der inneren Funktionsbox bedient, die in ihrer getypten Bauart unverändert bleiben kann.
Denkbar ist ebenso eine zweischalige, teilverspiegelte Glasfassade mit integriertem Sonnenschutz und entsprechender Lüftungssteuerung , z. B. in einem modernen Industriegebiet.
Ein weiteres Beispiel wäre eine Hülle aus ungebrannten Lehmziegeln (Dachüberstand !) mit entsprechender Transparenter Wärmedämmung (TWD) auf der Südseite. Bei einer nichttragenden Ausfachung dieser Bauart könnte die CO2-Einsparung bei der Baustoffproduktion vergleichend zum konventionellen Mauerwerksbau untersucht werden.)
Die Möglichkeiten dieses relativ kleinen Gebäudes bei seinen spezifischen Nutzeranforderungen und öffentlichkeitswirksamen Aspektes können nicht hoch genug eingestuft werden. Es ergeben sich mannigfaltige Möglichkeiten der Ausgestaltung und Betreuung während der Nutzung dieser Gebäudeeinheiten, die z.B. auch durch vergleichende Messungen begleitet werden können.
Die Weiterentwicklung dieses Projektes setzt eine enge Zusammenarbeit und hohe Motivation aller an der Planung und Bauausführung beteiligten voraus. Wie stets bei innovativen Prozessen und Experimenten werden auch hier Grenzbereiche berührt, die jedoch mit dem Ziel einer zukünftigen resourcenproduktiveren gebauten Umwelt verfolgt werden sollten.
       
       
www.schulzarchitekten.de     Architekturbüro Schulz und Schulz
       
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